1924 – 1999 Eine Schule verändert ihr Gesicht

Das Gymnasium Petershagen
Artikel aus der Festschrift zum 75jährigen Jubiläum von 1999

Als nach dem verlorenen 1. Weltkrieg, dem Ende der Monarchie und im Zuge revolutionärer Veränderungen eine Neuordnung von Staat und Gesellschaft zwingend notwendig ist, wird die schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts geführte und durch den Krieg nur unterbrochene bildungspolitische Diskussion um den Stellenwert von staatlicher Erziehung und Bildung sowie um Aufgaben und Struktur des Schulwesens wieder aufgegriffen und mit zum Teil radikalen Positionen fortgesetzt.

Die Kritik insbesondere am altsprachlichen Gymnasium geht einher mit der Forderung nach Gründung einer Form der höheren Schule, „die erzieherisch-unterrichtlich vor allem dem deutschen Kultur- und Bildungsgut verpflichtet“ sein soll (Becker, S.167).


Lehrerkollegium 1925

Um der bildungspolitischen Verwirrung entgegenzuwirken und an den höheren Schulen einen „Geist des Friedens, ohne den Schularbeit nicht gedeihen kann“ – so der damalige preußische Minister Dr. Otto Boelitz (zitiert nach: Becker, S.168) -, einkehren zu lassen, veranstalten  die staatlichen Stellen vom 11. bis 19. Juni 1920 eine Reichsschulkonferenz zur Klärung aller grundsätzlichen Fragen im Zusammenhang mit Erziehung, Unterricht und Struktur des gesamten Schulwesens. Die am 18. Februar 1922 als ein Ergebnis der angestrebten Neugestaltung des höheren Schulwesens in Preußen veröffentlichte „Denkschrift über die Aufbauschule“ ist der Beginn dieser neuen Oberschule in Aufbauform, die nach sieben Volksschuljahren eine sechsjährige höhere Schule vorsieht, „die zur Reifeprüfung führt und die gleichen Berechtigungen erteilt wie die Deutsche Oberschule und die Oberrealschule“ (Text der Denkschrift, zitiert nach: Festschrift 1976, S.3). Ziel ist vor allem eine Förderung der begabten Dorf- und Kleinstadtkinder, die nicht mehr wie bisher mit ca. 13 Jahren zunächst die sogenannte Präparandenanstalt und anschließend das Seminar besuchen müssen, um damit ausschließlich den Lehrerberuf ergreifen zu können, sondern sich nun nach dem Besuch der neuen Aufbauschule und nach dem Abitur frei für irgendeinen Beruf entscheiden können.


Friedrich-Wilhelm Vormbaum

Die Bedeutung dieser Denkschrift für Petershagen zeigt sich darin, dass schon nach den Osterferien 1922 die erste Untertertia (8. Klasse) das aufzulösende Lehrerseminar in Petershagen bezieht und mit dem Unterricht beginnt, der fast ausschließlich im Gebäude des noch heute genutzten Altbaus stattfindet. Mit der ministeriellen Anerkennung als „Höhere Lehranstalt in Entwicklung“ im Jahre 1924 beginnt – im engeren Sinne – die Geschichte des heutigen Gymnasiums Petershagen. Nach der letzten Abgangsprüfung am Seminar in Petershagen (12./13.3.1925) und der anschließenden Auflösung von Präparande, Seminar (seit 1831) und Rektoratsschule erhält die neue Aufbauschule durch Erlass vom 14.10.1925 nach dem ersten Direktor des Lehrerseminars Friedrich-Wilhelm Vormbaum (13.9.1795 – 21.11.1875) den Namen „Vormbaumschule“ und führt Ostern 1928 die erste Reifeprüfung durch. Am 1.4.1928 wird die Petershäger Lehranstalt dann „Deutsche Oberschule in Aufbauform“ (Ministerialerlass vom 19.3. 1928); der Name „Vormbaumschule“ hat danach noch fast fünfzig Jahre lang Bestand (zu Seminar und Vormbaum: Großmann, Festschrift 1931).


Nach dem Brand des Schulgebäudes 1929

Das Ende der 20er und der Beginn der 30er Jahre verlangen von der neuen Schule vorwiegend die Bewältigung zweier Krisen:

  • Der Brand des Daches im heutigen Altbau am 9.2.1929 erfordert große Anstrengungen zur Aufrechterhaltung des Unterrichts und hat eine erhebliche Veränderung der räumlichen Nutzung zur Folge.
  • Der Rückgang der Neuanmeldungen und der Schülerzahl insgesamt auf den Tiefpunkt von 80 im Jahre 1933 kann nur durch den persönlichen Kontakt der Lehrer mit den Volksschulen im weiteren Umkreis und durch den sich daraus ergebenden allmählichen Wiederanstieg der Anmeldungen abgefangen werden.

Während des 2. Weltkrieges und der damit zusammenhängenden Phase steigender Schülerzahlen infolge der Evakuierungen aus dem Ruhrgebiet (1944: 132 Schüler, 1945: 175) kann der Unterricht wegen gleichzeitig verminderter Anzahl der Lehrkräfte – zum Teil bedingt durch den Einzug zum Kriegsdienst – unter anderem nur durch eine Erhöhung der Stundenzahl der noch zur Verfügung stehenden Lehrer gesichert werden.


Luftbild des Gymnasiums um 1970

Nach der Wiedereröffnung der Schule am 21.8.1946 – vom 5.4.1945 bis zum 20.8.1946 sind englische Truppen im Gebäude der Aufbauschule einquartiert – steigt die Schülerzahl rasch an, bedingt vor allem durch das Zusammentreffen zweier Faktoren: Auf der einen Seite werden dringend Einschulungsmöglichkeiten für Flüchtlingsschüler aus den ehemaligen Ostgebieten gesucht, auf der anderen Seite benötigt die noch kleine, aber aufstrebende Schule Schüler, damit der Fortbestand der Bildungseinrichtung gewährleistet ist. Diese Situation führt 1949 – im nicht mehr vorhandenen Gebäude zwischen heutiger Stadtbücherei und Altbau – zur Eröffnung des Internats, das als „Matthias-Claudius-Heim“ zunächst nur acht, später dann über sechzig Jungen und damit einen zeitweise erheblichen Anteil an der Gesamtschülerzahl der Aufbauschule beherbergt.

Der zwischen dem Ende der 40er und der zweiten Hälfte der 60er Jahre steigenden Schüler- und  Lehrerzahl an der Aufbauschule, die 1955 zum Aufbaugymnasium wird, entspricht eine deutliche Veränderung des baulichen „Gesichts“ des Schulkomplexes:


Blick auf den Schulhof um 1975

1952 wird das Internat um einen Anbau erweitert; 1954/55 erfolgt der Neubau des Direktorenwohnhauses (bis zu diesem Zeitpunkt wohnte der jeweilige Schulleiter im Mittelgeschoss des heutigen Altbaus); 1958 wird die Turnhalle renoviert und erweitert, es entsteht außerdem ein Neubau an der Ostseite des Schulgeländes (der heutige B-Trakt ); 1960 werden der innere Umbau des heutigen Altbaus (begonnen 1957) abgeschlossen und der Park umgestaltet; 1963 übereignet die Stadt Petershagen dem Staatlichen Aufbaugymnasium das an der Bremer Straße gelegene Grundstück zwischen den Gärten des Lehrerwohnhauses und der Ösper.

Mit diesen baulichen Veränderungen geht in den 60er Jahren eine Erweiterung der pädagogischen Aufgaben der Schule einher. Die vehement einsetzende Diskussion um eine Reform des Bildungswesens – Picht erkennt in Deutschland eine „Bildungskatastrophe“ (1964), andere reklamieren ein „Bürgerrecht auf Bildung“ – verfolgt vor allem zwei gesellschaftliche Ziele:

  1. die generelle Anhebung des Bildungsniveaus der Bevölkerung, vorzeigbar an der Zunahme der Zahl der Kinder, die weiterführende Schulen, und hier besonders das Gymnasium besuchen;
  2. den Ausgleich sozialer Benachteiligungen, ablesbar an der Vergrößerung des Anteils vor allem von Arbeiterkindern, Mädchen und Kindern auf dem Lande an der Gesamtzahl der Gymnasiasten.

Im Zuge der einsetzenden allgemeinen Verbreiterung des Bildungsangebotes wird dem Aufbaugymnasium Petershagen 1965 ein sogenanntes F-Gymnasium (ein eigens für Realschulabsolventen konzipiertes Gymnasium zur Erlangung einer fachgebundenen Hochschulreife) mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Schwerpunkt angegliedert; parallel dazu wechselt das Aufbaugymnasium selbst von der bisherigen Zwei- zur Dreizügigkeit, und ab 1966 werden zum ersten Mal auch Quarten (siebte Klassen) aufgenommen.


Der Altbau um 1999

Auch die Änderung des Schulfinanzgesetzes im Jahre 1970 reiht sich ein in den Gesamtkatalog entscheidender bildungspolitischer Maßnahmen, ermöglicht sie doch die kostenlose Schülerbeförderung für Schüler aller Schulformen. Die unmittelbare Folge für Petershagen ist die Einrichtung staatlich finanzierter Schulbuslinien im Einzugsbereich von Aufbaugymnasium und F-Gymnasium ab dem 1.8.1970. Damit ergibt sich auch für jüngere Schüler aus dem ländlichen Umkreis die Möglichkeit zum Besuch einer höheren Schule; der Beginn des grundständigen (neunklassigen) Gymnasiums ebenfalls am 1.8.1970 (Aufnahme der ersten Sexten, d.h. der fünften Jahrgangsstufe) bedeutet das Ende des Aufbaugymnasiums.

Der mit diesen Neuerungen verbundene Anstieg der Schülerzahlen von 291 (1964) auf 526 (1966) – die Steigerung beruht im Wesentlichen auf der Einrichtung des F-Gymnasiums und der erstmaligen Aufnahme von Quarten (s.o.) –  und über 653 (1971) auf 850 (1974) verschärft das Raumproblem und zieht weitere bauliche Veränderungen nach sich:

  • 1967:
    Umbau des Erdgeschosses im B-Trakt zur „Physiketage“ und Erstellung weiterer Klassenräume im Altbau,
  • 1967/68:
    Aufstellung eines Pavillons für Unterrichtszwecke,
  • 1972:
    Neubau einer dreiteiligen Sporthalle an der Stelle des 1912 erbauten Lehrerwohnhauses im Vorgriff auf den geplanten Gesamt-Neubau,
  • 1972/73:
    Umgestaltung von Internatszimmern zu Klassenräumen,
  • 1973/74:
    Aufstellung zweier weiterer Pavillons auf dem heutigen Lehrerparkplatz vor der Stadtbücherei,
  • 1976:
    Bau des Bootshauses an der Weser südlich Heisterholz.

Das Internat, dessen Belegung schon seit der Wende zu den 60er Jahren – nicht zuletzt wegen der Sesshaftwerdung der ehemaligen Flüchtlingsfamilien – erkennbar zurückgegangen ist, verliert durch das dichter werdende Netz an höheren Schulen, d.h. durch die Ausweitung eines ortsnahen Bildungsangebotes, in der zweiten Hälfte der 60er Jahre zunehmend an Bedeutung, so dass das Johanneswerk Bielefeld die Einrichtung zum 30.6.1970 aufgibt. Sie wird dann noch vier Jahre auf privater Basis fortgeführt; am 30.6.1974 verlässt der letzte Internatler die Schule.

Die räumlichen Probleme verschärfen sich in den folgenden Jahren trotz aller organisatorischen Anstrengungen so dramatisch, dass der Neubau eines Schulgebäudes zwingend notwendig wird. Mit diesem Neubau von 1975/76 (heutiges Hauptgebäude mit Klassenräumen, Verwaltung, Lehrerzimmer, Pädagogischem Zentrum und naturwissenschaftlichem Trakt) und der zeitgleich durchgeführten Kommunalisierung der Schule ergeben sich weitere bedeutsame Entwicklungen. Die Schule geht von der staatlichen Trägerschaft in die der Stadt über, sie heißt ab nun „Städtisches Gymnasium Petershagen“, der Name „Vormbaumschule“ entfällt; das Gebäude des „Matthias-Claudius-Heimes“ wird 1976 abgerissen, Reste des Internats bilden heute die Stadtbücherei; der „Neubau“ (das heutige „Hauptgebäude“) wird mit einem Festakt und gleichzeitig einer zwei Jahre zuvor verschobenen Jubiläumsveranstaltung zum fünfzigjährigen Bestehen der Schule feierlich bezogen.

Ab den 70er Jahren nimmt die Schülerzahl – das „platte Land“ bleibt vom „Pillenknick“ unberührt! – rapide zu: Besuchen 1968 „nur“ 525 Schüler das Gymnasium, steigt diese Zahl im Jahre 1974 auf 850 und im Verlauf einer weiteren Schülergeneration auf 1122 (1983), um sich seit der Mitte der 90er Jahre auf diesem Niveau zwischen 1100 und 1200 einzupendeln.

In der Folge dieser zahlenmäßigen Entwicklung hin zur Fünfzügigkeit – auch ein deutlicher Beleg für die große und seit Jahrzehnten bestehende Attraktivität der Bildungseinrichtung bis in die angrenzenden Teile Niedersachsens und Mindens –  ist neben den pädagogischen Aufgaben und dem pädagogischen Profil auch das Äußere der Schule ständigen Veränderungen unterworfen: 1993 erhält der naturwissenschaftliche Trakt einen Anbau; für die Erprobungsstufe, die Klassen 5 und 6, wird der „C-Trakt“ mit zehn weiteren Klassenräumen fertig gestellt.

Am Ende seiner 75-jährigen Geschichte ist das Städtische Gymnasium Petershagen eines der schülerstärksten Gymnasien des Kreises Minden-Lübbecke.

Wolfgang Battermann, Joachim Radi

Literatur:

Karl Großmann (Hg.): Das Lehrerseminar zu Petershagen 1831 – 1925. Festschrift zur Jahrhundertfeier 1931. Petershagen 1931

50 Jahre Gymnasium Petershagen. Festschrift 1976. Petershagen 1976

Paul Becker: „Begabung, Kraft und Gesundheit“, Aufbauschulen – zur Geschichte des höheren Schulwesens. In: Jahrbuch Westfalen 1996. Münster 1996, S.164-173