„Verbaut euch nicht eure Lebenschancen!“

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vom 29.10.2009

 

Kriminologe Pfeiffer referiert vor 700 Schülern, 350 Eltern und dem Kollegium des Gymnasiums Petershagen

MIC

Von Karsten Versick

Petershagen (mt). Wenn rund 700 Schülerinnen und Schüler mucksmäuschenstill oder interessiert mitmachend zwei Schulstunden lang im Pädagogischen Zentrum sitzen, etwa 350 Eltern einen gut 90-minütigen Vortrag aufmerksam verfolgen und den Referenten anschließend eine weitere Stunde mit Fragen löchern,

wenn ein komplettes Lehrerkollegium nachmittags außerplanmäßig für gut zwei Stunden in die Schule kommt – dann müssen Referent und Vortrag schon einiges zu bieten haben. Der Kriminologe Professor Christian Pfeiffer kann das für sich beanspruchen.

Der selbst ernannte „Außenminister“ des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) – „Ich vertrete nach außen die Ergebnisse der Untersuchungen der 18 Mitarbeiter meines Instituts“ – besucht im Schnitt alle zwei Wochen eine Schule in Deutschland, um in zweitägigen Veranstaltungen vor den Gefahren übermäßigen Medienkonsums bei Kindern und Jugendlichen zu warnen und Wege aufzuzeigen, der Abhängigkeit von und der Sucht nach brutalen Computerspielen und Action-Filmen vorzubeugen. Am Dienstag und Mittwoch war der 65-Jährige, der von 2000 bis 2003 auch niedersächsischer Justizminister war, im Gymnasium Petershagen zu Gast.

Geteiltes Echo auf Daten und Thesen

Den Auftakt bildete am Dienstagnachmittag eine „Dienstbesprechung“ mit 75 Lehrerinnen und Lehrern des Städtischen Gymnasiums. Ihnen wie auch den vielen interessierten Eltern und Oberstufenschülern bei einem Vortrag am Abend sowie den Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufen 5 bis 7 und anschließend der Jahrgangsstufen 8 bis 10 am folgenden Vormittag führte Pfeiffer anhand einer Flut von Daten, Schaubildern und Beispielen eindrucksvoll vor Augen, wie es um den Konsum von Medien allgemein, aber auch von Computerspielen bei Kindern und Jugendlichen bestellt ist, und welche Auswirkungen dies vor allem für Jungen hat. Pfeiffer berief sich dabei auf zahlreiche Studien des KFN (siehe MT-Interview in der Samstagausgabe, 24. Oktober) – sie hier wiederzugeben würde den Rahmen dieses Textes sprengen.

Besonders beeindruckt waren Lehrer und Eltern – den Schülern ersparte Pfeiffer diesen Teil seines Referats – allerdings von einer Sequenz aus einem nur für Erwachsene freigegebenen Computerspiel, das nach seinen Angaben häufig von Jugendlichen gespielt wird. Dabei wird unter anderem der Spieler als Auftragskiller für zwei Morde mit 35 000 beziehungsweise 60 000 US-Dollar „belohnt“.

Für alle drei Zielgruppen seiner Vortragsreihe hatte der Kriminologe neben solch drastischen Beispielen aber auch Ratschläge parat, der Abhängigkeit oder Sucht von Jugendlichen vorzubeugen.

Dem Kollegium gab er vor allem mit auf den Weg, bei ihren Schülerinnen und Schülern neben dem „Pauk-Stoff“ auch die „Lust aufs Leben und die Leidenschaft für andere Inhalte als Fernseher und Computerspiele zu vermitteln.“

Dies riet er auch den Eltern: „Bieten Sie Ihren Kindern interessante Alternativen,“ verwies Pfeiffer auf den Wunsch von 90 Prozent der vom KFN befragten Kinder, ihre Eltern sollten mehr mit ihnen unternehmen. „Völliger Blödsinn“ seien dagegen Verbote als Sanktionen für beispielsweise schlechte schulische Leistungen. „Setzen Sie stattdessen Grenzen. Erklären Sie Ihren Kindern, warum Sie diese Grenzen setzen.“

Die Schülerinnen und Schüler konfrontierte er mit der These: „Kinder mit eigenen Fernsehgeräten und Spielekonsolen im Zimmer haben schlechtere Noten. Und je mehr Zeit ihr vor dem Fernseher oder am Computer verbringt, desto schlechter werden eure Noten. Und das wiederum verschlechtert eure Aussichten im späteren Berufsleben. Verbaut euch nicht eure Lebenschancen!“ Alternativen für die Jugendlichen: viel Bewegung, Musik oder andere Freizeitaktivitäten.

Die von Pfeiffer vorgestellten Daten und Thesen stießen auf ein durchaus geteiltes Echo. Während einige Lehrer die Gelegenheit nutzten und sich praktische Ratschläge für den Umgang mit gefährdeten Schülern holten („Ein 13-Jähriger erschien mit Laptop zum Wandertag“), kritisierten andere die aus ihrer Sicht pauschalisierenden und teilweise stigmatisierenden Aussagen des Kriminologen – beispielsweise zu Hauptschülern, Eltern mit geringer Bildung und kleinem Einkommen oder Migrantenkindern. In einigen Klassen wurden die Forschungsergebnisse und Thesen des Professors im unmittelbar anschließenden Unterricht thematisiert und auf ihre Richtigkeit für die Klasse überprüft – nicht immer stimmten die Ergebnisse dabei mit denen von Pfeiffer überein.

Auch unter den Schülern lieferte der Vortrag des Kriminologen reichlich Stoff für Diskussionen. Der 16-jährige Lukas empfindet es für seine Altersgruppe noch zu früh, sich Gedanken über die Folgen exzessiven Computerspielens zu machen: „Wer sich in meinem Alter an den Computer setzt, der denkt doch nicht schon an die Folgen für das spätere Berufsleben.“ Betroffen von Computerspielsucht fühlt er sich ebenso wenig wie seine Mitschüler Golo-Simon und Sebastian aus der Klasse 9 A.

„Das kann, muss aber hier nicht so sein“

„Das, was er an Beispielen genannt hat, kann man für uns nicht übernehmen. Das ist bei jedem verschieden. Grundsätzlich wird er aber schon Recht haben.“ Golo hat sich in dem Vortrag nicht wirklich wiedergefunden. „Ich kenne aber in meinem Bekanntenkreis durchaus Leute, auf die die Schilderungen zutreffen.“ Sebastian fiel auf, dass Pfeiffer seinen Vortrag alle 14 Tage in einer anderen Schule hält. „Das kann, muss aber hier nicht so sein, wie er es geschildert hat.“

Mit der lebhaften Diskussion unter den Lehrern, Eltern und Schülern hat Pfeiffer das erreicht, was ihn in fast missionarischem Eifer treibt: das Nachdenken über den Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen. In zwei Wochen wird das an einer anderen Schule irgendwo in der Republik vermutlich nicht anders sein.

 

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