Schularchiv

„ . . . das Unerforschliche ruhig zu verehren“

Mitteilungen zum Schularchiv am Städtischen Gymnasium Petershagen im Oktober 2017

Die Archivalien des Schularchivs spiegeln die Entwicklung unserer Lehranstalt, hier verstanden als eine an einen bestimmten Zweck gebundene Zusammenfassung sachlicher Mittel, wieder. Sie sind Ausdruck der stetigen Auseinandersetzung von Pädagogen mit den Bildungszielen ihrer Zeit. Die Vielfältigkeit der Archivalien korrespondiert mit ihrer Herkunft und den assoziierten Institutionen. Zu nennen sind die Buchbestände des Preußischen Lehrerseminars und der Aufbauschule, Sammlungsnachlässe einzelner Fachschaften (Erdkunde, Biologie, Physik, Sport, Musik, Kunst, etc.), Schulmöbel, technische Mittler, Filme und Periodika bis hin zu Verwaltungsakten, Klassenbüchern, Kursheften und Abiturarbeiten.
Erwähnenswert ist insbesondere der Umstand, dass sämtliche Schüler- und Absolventenverzeichnisse der vorausgegangenen Schulinstitutionen lückenlos von 1792 an in den jeweiligen Staatsarchiven erhalten geblieben sind. Im Hinblick auf die Herkunft der Archivalien im Schularchiv sind chronologisch hervorzuheben:

A) Das am Ende des 18. Jahrhunderts unter der Ägide von Georg Heinrich Westermann (1752-1796) und Georg Christoph Friedrich Gieseler (1760-1839) aus einer regionalen Bürgerschule, deren Fortkommen der Große Kurfürst vorangetrieben hatte, erwachsene und in kirchlicher Trägerschaft befindliche „Kleine Seminar“ (1792-1819).

In jüngster Zeit hat STÜCKEMANN (2013) die Bestände der Gieselerschen Lesegesellschaft für Landschulmeister aus dem Jahr 1788 herausgearbeitet. Es bleibt zu prüfen, ob im unverzettelten Bestand der preußischen Lehrerbibliothek Werke aus dieser Epoche erhalten geblieben sind. Die 2015 veröffentlichte Gieseler’sche Kirchenchronik (1797) ent-hält zeitgenössische Quellen zum Beginn des Landschulwesens in unserer Region. Desgleichen ein Namensverzeichnis aller Absolventen des Kleinen Seminars, vgl. JACOBSEN (2015).

B) Das Erfolgsmodell des „Königlichen evangelischen Schullehrer-Seminariums zu Petershagen“ unter dem Rektorat von Friedrich Wilhelm Vormbaum (1795-1875). Es entfaltete durch die Rezeption der Pädagogik von Heinrich Pestalozzi ein große Wirkung in der Provinz Westfalen. Drei Seminarstandorte lösten sich in Petershagen ab.

Die frühesten erhaltenen Archivalien stammen aus dem ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, darunter Gesamtausgaben der pädagogischen Klassiker Basedow und Pestalozzi. Das Geheime Staatsarchiv Berlin, das Architekturmuseum Berlin und das Staatsarchiv Detmold verwahren heute den Großteil weiterer Verwaltungs-, Bau-, Personal- und Schülerakten aus dieser Zeit. Der Autor hat von 2002 bis 2015 die Schulbestände der externen Archive in seiner Funktion als Ortsheimatpfleger durchgesehen. Zu den Neuerungen der Seminarzeit gehörte die Einrichtung von Sammlungsräumen in dem 1885 eingeweihten Lehrerseminar. Es verfügte gemäß den Architekturzeichnungen erstmals über eine Lehrerbibliothek (Erdgeschoss) und naturwissenschaftliche Sammlungsräume (1. Obergeschoss).

C) Das 1924 in der Weimarer Republik installierte Gymnasium in Aufbauform. Es trug nach einem Ministerialerlass, der nie aufgehoben wurde, die Bezeichnung „Vormbaumschule“ und erinnerte auf diese Weise an den Gründer des Königlichen Lehrerseminars.

Nach der Auflösung 1923 gingen viele Bestände an das Seminar in Soest. Die Verwaltungsakten im Staatsarchiv Detmold geben einen Eindruck von der Größe und dem Umfang der damaligen Lehrtätigkeit. Erhalten blieb u.a. ein Verzeichnis aller Seminararchivalien, das die Bestandsübergabe an Soest dokumentiert.

In den 1960er-Jahren verwalteten Oberstudienrat Dr. Josef Müller und Studiendirektor Lothar Büscher das Inventar und die Lehrerbücherei der Schule. Dank eines zweibändigen Inventarverzeichnisses aus dem Jahr 1968 ist der Archivumfang jener Zeit bekannt. Büscher verzeichnete vermutlich auch einige Bestandsveteranen des „Kleinen Seminars“ aus dem ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Er hielt im Vorwort fest: „Dieses Inventarverzeichnis I (neu) enthält den tatsächlichen Bestand der Lehrerbücherei am 31.8.68. Es wurde im Juli/Aug. 1968 vom Unterzeichneten nach den vorhandenen Beständen neu aufgestellt. Die Neuaufnahme des Bestandes war notwendig, da das alte Inventarverzeichnis (I) (…) verloren gegangen ist. Vom 1.8.1963 an hat Herr Dr. Müller das bei den Akten liegende Inventarverzeichnis II (alt) [Anmerkung des Autors: nicht erhalten] geführt. Es ist in dem neuen Inventarverzeichnis I aufgegangen. Das vorliegende Inventarverzeichnis I hat 87 Blätter und ist blattweise von 1-87 numeriert. Petershagen, 1. Sept. 1968. Büscher, StR.“

D) Das Gymnasium in seiner heutigen Form, das als „Städtisches Gymnasium Petershagen“ Schülerinnen und Schüler aus den 29 Ortschaften der Stadt zum Abitur führt.

Nachdem der Erweiterungsbau 1976 fertiggestellt worden war, trug Wolfgang Battermann seit dem Beginn der 1980er-Jahre die erhaltenen Sammlungsbestände im Archivraum der Schule, der im Keller des Nordtreppenhauses gelegen ist, zusammen. Bei dieser Arbeit unterstützten ihn die Kollegen Joachim Radi und Dr. Heiner Schultz. Letzterer ordnete die Bestände von Seminar-, Lehrer- und Schülerbibliothek unter systematischen Gesichtspunkten. Die Anlage orientierte sich am Inventarverzeichnis von 1968. Battermann hält 2014 fest: „Da während der gesamten Zeit des Bestehens Platz-, Raum- und Personalmangel herrschten, oft die Unterstützung fehlte, ja sogar Sekretariatsakten, Kursmappen und Klassenbücher im Schularchiv mit untergebracht wurden, konnte die Arbeit nur im Sammeln, Bewahren und in der Rettung von Gegenständen und Objekten bestehen. So findet man heute im Wesentlichen eine ungeordnete Sammlung vor.“

Seit dem Jahr 2009 betreut Ortsheimatpfleger Uwe Jacobsen das Schularchiv ehrenamtlich. Diese Aufgabe gestaltet sich als Mängelverwaltung. Das Dilemma ergibt sich zum einen aus der unübersichtlichen und ungeordneten Menge der Archivalien, andererseits aus dem Versäumnis, das eingebrachte Archivgut, dessen Herkunft in vielen Teilen unbekannt ist, zu verzeichnen. Eine Bestandsübersicht steht aus und ist nur durch Fachkräfte leistbar.

Im Jahr 2013 stellte eine Begehung mit Schulleitung und Vertretern der Stadtverwaltung das Schularchiv unter die Archivregel des Stadtarchivs und ordnete die Zuständigkeiten neu. Alle Archivalen, die Teil der Oberstufenverwaltung sind, finden seitdem ihren Platz im neuen Archivraum des renovierten Seminargebäudes, ebenso die aktuellen Bestände an Klassenbüchern und Kursmappen. Diese werden in einem aufwändigen Prozess aus dem Schularchiv in den neuen Raum überführt. Parallel dazu erfolgen Aussonderungen redundanter Periodika und technischer Mittler. In jüngster Zeit zeichnet sich die Perspektive ab, die Bibliotheksbestände des ehemaligen preußischen Lehrerseminars in das Stadtarchiv nach Neuenknick zu überführen.
Es bleibt zu hoffen, dass die Archivalien des Archivs gemäß des eingangs aufgeführten Goethe-Zitats, das als Wandfries die ehemalige Aula der Aufbauschule schmückte, in ihrem heutigen Umfang erhalten bleiben können. (Uwe Jacobsen, Oktober 2017)

Ausstellungen

1984
Anlässlich der 1200-Jahrfeier der Stadt Petershagen werden zwei Räume im (noch nicht wiederhergestellten) Amtsgericht mit Archivalien aus dem Schularchiv ausgestattet.

1986
Schulausstellung im Gymnasium mit Präsentation von Gegenständen, Dokumenten

1993
Schulausstellung zur Einweihung des C-Trakts. In zwei Räumen des Gebäudes werden Objekte aus dem Schularchiv präsentiert.

2015
Ausstellung zur Einweihung des renovierten Seminargebäudes am Tag des offenen Denkmals. Vier Räume des Altbaus zeigen Eponate aus dem Schularchiv. Zu sehen sind u.a. Dr. Hippes physikalische Kabinettstückchen aus der Nachkriegszeit, die von Hans-Werner Niermann präsentiert werden, sowie eine Privatsammlung mit Buchexponaten aus der Zeit der Seminargründung. In Kooperation mit der Ortsheimatpflege Petershagen entstehen mobile Ausstellungsmaterialien zur Schulgeschichte, die sechs Displays umfassen. Die Theater-AG des Gymnasiums präsentiert in einem Stadtrundgang historische Spielszenen.


Tesla-Transformator

2016
Ausstellung zur Schulgeschichte am Tag des offenen Denkmals

2017
Ausstellung zur Schulgeschichte am Tag des offenen Denkmals

2017
Das Historische Museum der Stadt Bielefeld präsentiert im Rahmen einer Sonderausstellung im November als Leihgabe die erhaltenen Elemente des ehemaligen Sprachlabors am Gymnasium Petershagen (drei Arbeitsplätze, Lehrerschaltpult, und Stuhl im so genannten Spacedesign).

Literatur

GROSSMANN, Karl: Das Lehrerseminar zu Petershagen 1831-1925. Festschrift zur Jahrhundertfeier 1931. Petershagen: Giese 1931, 48 Seiten. Herausgegeben im Auftrage des Festausschusses.

JACOBSEN, Uwe (Hrsg.): Petershagen in Dokumenten. Kommentierte Quellen zur Stadtgeschichte. Mit Dokumenten von Steinkamp (1720), Gieseler (1760-1839), Vormbaum (1795-1875) und Romberg (1787-1866). Band 1 (2015). Norderstedt: Books on Demand, 2015.

KOHLMEIER, Rolf: Verborgen, nicht verloren: Schätze im Archiv. In: STÄDTISCHES GYMNASIUM PETERSHAGEN (Hrsg.): 75 Jahre Gymnasium Petershagen. Festschrift. Petershagen 1999.

SCHULTZ-GUTSCHKE, Heiner: Plaudereien über eine Schulbibliothek. In: STÄDTISCHES GYMNASIUM PETERSHAGEN (Hrsg.): 75 Jahre Gymnasium Petershagen. Festschrift. Petershagen 1999.

STÜCKEMANN, Frank: Lehrerfortbildung und Lesegesellschaften für Landschulmeister: Volksaufklärung in Minden-Ravensberg bei Georg Christoph Friedrich Gieseler (1760-1839) zwischen Französischer Revolution und „Franzosenzeit“, in: Jahrbuch für Westfälische Kirchengeschichte 109, Bielefeld 2013, S. 347-418.

STÜCKEMANN, Frank: Gieselers Lesegesellschaft für Schulmeister in der von Johann Ludwig Ewald (1747-1822) herausgegebenen pastoraltheologischen Zeitschrift „Ueber Predigerbeschäftigung und Predigerbetragen“, in: Jahrbuch für Westfälische Kirchengeschichte 109, Bielefeld 2013, S. 419-428.

Uwe Jacobsen