Erkenntnis als Konstrukt

Unser Weg zur Wirklichkeit als Lösung eines Sudoku-Rätsels
Gedankenspiele im Philosophieunterricht der Stufe 10 (EF)
Erfolgreiches Arbeiten im Expert/inn/enprojekt der Sekundarstufe I

Stellen Sie sich vor, Ihre Lebenserwartung betrüge nicht ca. 80 Jahre, sondern 80.000 Jahre, Sie würden diese 80.000 Jahre in Summe aber so erleben, wie Ihnen Ihr jetziges Leben in der Spanne von 80 Jahren erscheint.

Mit diesem Gedankenexperiment regte Referendar Matthias Meyer vor den Sommerferien Philosophie – Schülerinnen und Schüler der Stufe 10 an, über die Relativität unseres Erkennens nachzudenken.

80.000 Jahre – gepackt in ein einziges, rundes Leben: Als Kind steckten Sie noch tief in der Steinzeit. Erst in höherem Alter würden Sie erleben, wie sich Großkulturen entwickeln. Das gesamte Mittelalter durchlebten Sie in einem Jahr, die dunkle NS-Zeit in einem guten Monat. Ein Jahr würde weniger als drei Tage dauern.

Verständlich, dass unter solchen Bedingungen die Dinge vollständig anders erlebt und gewichtet würden. Und umgekehrt? Wenn das Leben nur eine Dreiviertelstunde andauern würde? Fiele diese Dreiviertelstunde zufälligerweise in die Abenddämmerung, dann erschiene die Welt als ein Ort, an dem es stets dunkler und stiller wird. Alles würde sich in Finsternis auflösen – dies wäre die weise Quintessenz jener Art von Leben. Dass alles Stunden später aus dem Dunkel wieder auftaucht, wüsste man nicht. Alles stünde vielmehr unter dem unbezwingbaren Vorzeichen des Abnehmens, des Verfalls.

Im ersten Fall wäre unsere technisierte Welt der Mobilität ein nervöses Flimmern ganz am Rande der Zeiten – vergleichbar dem plötzlichen Überkochen eines Milchtopfes, dessen Inhalt, über Jahre hinweg in großer Ruhe, nun erst, im letzten Vierteljahr, in massive Bewegung geriete. Der weltweite Auto- und Flugverkehr erschiene vielleicht wie eine Entgleisung, bei der man davon ausginge, dass sie ebenso bald, wie sie begann, wieder enden würde und die vorherige Bedachtsamkeit erneut einzöge.

Was wir von der Welt erkennen – und vor allem, wie dieses Erkannte gewichtet und gewertet wird, das hängt also zum Beispiel von der Erfahrungsspanne des eigenen Lebens ab, von der durchschnittlich erwartbaren Lebenszeit. Und diese menschliche Lebensspanne ist zwar ein faktischer Wert, aber der Vergleich mit anderen Spezies zeigt, dass dieser Wert zufällig ist. Man könnte sich nämlich auch vorstellen, wir Menschen wären so beschaffen, dass wir viel kürzer oder viel länger lebten. Immerhin war ja faktisch die durchschnittliche Lebenserwartung unserer Vorfahren dramatisch kürzer als diejenige moderner Europäer und mancherorts, z.B. in einigen Ländern Afrikas, ist das heute noch so.

Im Philosophiekurs der 10. Klasse von Herrn Braun und Herrn Meyer diente jenes Gedankenexperiment dazu, beispielhaft an der Lebenszeit zu zeigen, dass die Art, wie wir die Dinge sehen und erleben, abhängig von allen möglichen Faktoren ist: Wir stehen mit unserem Erkennen der Welt nicht auf einem stabilen, absoluten Grund – und somit können wir auch nie sagen, dass etwas „hundertprozentig wahr“ ist.

Diese Einsicht versetzte die Schülerinnen und Schüler dieses Kurses nachhaltig ins Grübeln: Was kann denn, so fragten sie sich, dann überhaupt Wahrheit sein? Wann können wir uns denn wirklich sicher sein, dass wir richtig liegen?

Chiara Maria Henke ist eine dieser Schülerinnen. Sie ließ ihren Gedanken freien Lauf in Form eines längeren Aufsatzes, sozusagen einer philosophischen Reise ins eigene Nachdenken. Chiara kam auf eine bestechende Idee: Sie verglich den tastenden Vorgang des Gewinns von Erkenntnissen im Laufe eines Lebens mit der Strategie bei der Lösung eines „Sudoku“-Rätsels.

„Wir schauen, ob eine Erkenntnis eine relativ hohe Wahrheitswahrscheinlichkeit hat“, schreibt sie. „Also, wenn man das aufs Beispiel überträgt, habe ich ein Kästchen, wo drei Zahlen hineinpassen könnten. Demnach würde ich schauen, welche Zahl wahrscheinlicher ist.“ Fürs Erkennen hieße das: „Ich würde mich dafür entscheiden, dass eine Erkenntnis wahr ist. Danach habe ich gegebenenfalls wieder eine Erkenntnis und fülle damit mein nächstes Sudoku-Feld. Erst am Ende kann ich dann beim Sudoku feststellen, ob alle Zahlen richtig in den Feldern stehen, also ob mich die Erkenntnisstufen zum richtigen Ergebnis geführt haben und somit richtig sind.“

„Das Problem in der Realität“, so erkennt Chiara weiter, „ist allerdings, dass ich nie ein vollständiges Sudoku-Feld erhalten werde, bzw. eine endgültige Lösung. Dementsprechend könnten wir zu keinen (abschließend) richtigen Erkenntnissen kommen, da es keine Wirklichkeit gibt.“ So gebe es im Erkennen immer nur eine relative Korrektheit.

„Es kann aber auch sein, dass eine falsche Annahme mit ins Sudoku-Feld geraten ist“ – was den Erkenntnisprozess, der darauf aufbaut, verzerren würde. Im Endeffekt, so Chiaras Schlusssatz, könne man „nie sagen, ob die gesammelten Erkenntnisse der Wahrheit tatsächlich entsprechen.“

Unsere Wirklichkeit, so hat diese Schülerin erkannt, spiegelt sich nicht 1:1 in unserem Kopf. Vielmehr ist es ein tastender Prozess, der uns dazu führt, unseren „Reim auf die Welt“ zu machen: Wir gehen von ungedeckten Annahmen aus und bauen darauf dann weiter. Ob diese Annahmen es verdienen, Fundamente unserer Lebensüberzeugungen zu sein, ist abschließend kaum zu beurteilen. Also müssen wir stets kritisch dem gegenüber bleiben, was uns in der Regel so felsenfest und selbstverständlich erscheint. Es kann sich lohnen, sedimentierte Meinungen zu hinterfragen, also „Sudoku-Fehler“ so gut wie möglich auch nachträglich noch auszumerzen.

Wir kennen die Welt nicht so, wie sie wirklich ist. Es ist folglich sogar die Frage – so die radikale Schlussfolgerung Chiaras –, ob es „die“ Wirklichkeit überhaupt gibt. Sie erscheint je als eine andere gemäß unseren Blickwinkeln, unseren „Vor-Deutungen“. Somit sind wir selbst diejenigen, die je unsere „wirkliche Wirklichkeit“ konstruieren.

Genau dies ist eine der Aufgaben des Philosophieunterrichts in der Oberstufe: Wir hinterfragen und spielen im Kopf und miteinander Möglichkeiten durch: Möglichkeiten dessen, was Wirklichkeit ist, Möglichkeiten im Verständnis guten Handelns, Möglichkeiten von Sinnsetzungen, Varianten von Konzepten guten Menschseins.

Chiaras Sudoku-Bild für Erkenntnis und Aneignung von Realität wird den Mitgliedern des Philosophiekurses aus Klasse 10 hoffentlich noch lange im Kopf herumschwirren.

Stefan Braun, Kurslehrer eines Philosophiekurses in der Stufe 10

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